Absolut Neutral
Die folgende Beschreibungen dieser Gesinnung ist lediglich eine idealisierte Interpretation, die als Richtlinie und Beispiel dienen soll. Ein Charakter muss daher natürlich nicht in allen Belangen mit diesen Ausführungen übereinstimmen, um dieser Gesinnung anzugehören. In der Regel genügen einige Gemeinsamkeiten unter Einhaltung der Grundidee um die Zuordnung angemessen zu rechtfertigen.
Ein absolut neutraler Charakter handelt stets so, wie es ihm im Moment vernünftig erscheint und wie sein Verstand es ihm vorgibt. Seine Entscheidungen sind nicht von moralisch-methodischen Überzeugungen vorbestimmt. Dafür ist er jedoch auch eher empfänglich für äußere Einflüsse durch sein Umfeld. Er neigt dazu sich der Mehrheit anzuschließen und seine geäußerte Meinung von jenen abhängig zu machen, die gerade zuhören. Der Charakter legt keinen Wert auf Konflikte und gibt lieber scheinbar nach als sich Diskussionen hinzugeben, die er als unnötig empfindet. Er verhält sich generell diplomatisch, doch zuweilen nur um Ärger zu vermeiden. Er hat zu einigen Themen keine gefestigte Meinung und kann sich daher unvoreingenommen in Gespräche darüber begeben, was aber nicht heißt, dass er keine Vorurteile haben kann. Da der Charakter keine nennenswerten höheren moralischen Ziele verfolgt, sind für ihn und seine Entschlüsse stets die Situation und die Umstände maßgeblich. Ohne die Aussicht auf eine angemessene Gegenleistung oder ein lohnenswertes Ziel betreibt er keinen besonderen Aufwand oder bringt sich gar in Gefahr. Er tut in brisanten aber auch alltäglichen Situationen stets das, was er zu seinem Überleben als notwendig erachtet. Es ist die typische Gesinnung für einen großen Teil der gewöhnlichen, menschlichen Bevölkerung.
- Beispiel: Ein absolut neutraler Charakter befindet sich am späten Abend in seinem Zimmer im ersten Stockwerk eines Gasthauses. Im Schein einer Kerze sitzt er an einem kleinen Tisch in ein Buch vertieft. Geräusche aus der schmalen Gasse zwischen dem Gasthaus und dem Nachbargebäude lassen ihn aufhorchen. Er blickt aus dem Fenster und sieht wie dort unten im Halbdunkel ein Mann von zwei anderen brutal zusammengeschlagen wird. Der Charakter registriert die Szene in der Gasse und gibt umgehend dem Wirt bescheid, er solle doch die Stadtwachen rufen. Danach begibt er sich wieder auf sein Zimmer und betrachtet seine Bürgerpflicht als erfüllt. Er wird vielleicht noch einen Blick riskieren, wenn die Wachen eintreffen, um sich zu vergewissern, dass seine Intervention erfolgreich war. Stellt sich anschließend heraus, dass es eine Belohnung gibt, wird er sich natürlich melden, als derjenige der geholfen hat. Ansonsten wird er sich aus dieser Angelegenheit heraushalten. Die Täter könnten ja immerhin auch Freunde gehabt haben… Sollte der Wirt nicht reagiert haben, wird der Charakter das schlichtweg mit einem verständnislosen Kopfschütteln quittieren. Manch ein Charakter könnte, um jedem Ärger aus dem Weg zu gehen, sogar davon absehen den Wirt überhaupt zu benachrichtigen, so tun als habe er nichts bemerkt und einfach hoffen, dass die Angreifer ihn am Fenster nicht gesehen haben.
Auch für Wesen, die zu keinen durchdachten Entscheidungen fähig sind und nicht zwischen Gut und Böse unterscheiden können, sondern lediglich aufgrund von Instinkt und Selbsterhaltungstrieb agieren, ist diese Gesinnung passend. Sie wird daher den meisten Tieren und niederen Lebensformen zugewiesen. Selbst Wesen ohne Seele und Intention, wie z.B. gewöhnliche Pflanzen, könnten (wenn von Interesse oder Notwendigkeit) dieser Gesinnung entsprechen, schlichtweg aufgrund ihres „Strebens“ nach Existenz und Fortbestand.
Basiert die Enthaltung bezüglich moralisch-methodischer Prinzipien einer bewussten und idealistischen Entscheidung, so kann diese Gesinnung auch anders und extremer interpretiert werden. Ein solcher Charakter strebt nach einem übergeordneten Gleichgewicht der Kräfte zwischen Gut, Böse, Ordnung und Chaos, das er als Grundlage aller Existenz versteht. Eine Verschiebung des Gleichgewichts zu Gunsten oder Lasten eines Aspekts kann schwerwiegende Folgen mit sich bringen. Er bemüht sich daher in allen Fragen unparteiisch zu bleiben und überlegt vor jeder Einmischung genau, wie sich diese auf das angestrebte Gleichgewicht auswirken wird. Der Charakter ist damit ein optimaler Schiedsmann und Vermittler. Wenn er schließlich für eine Seite Partei ergreift, dann ist das meist die, welche er im Nachteil sieht. Seine Überlegungen sind dabei allerdings stets langfristig. Dass er mitten im Laufe eines Konflikts plötzlich zu Gunsten des möglichen Verlierers die Seiten wechselt, ist eigentlich ausgeschlossen, denn er muss sich bereits im Vorfeld über die Konsequenzen seines Eingreifens bewusst sein. Im Zweifelsfalle wird er sich schlichtweg enthalten.